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Was Sie über Derivate wissen müssen

1. Einleitung 


„Derivate“ heißt so viel wie „Abkömmlinge“ oder „Abgeleitete“ (lat. derivare = ableiten). Viele Leute können sich gar nicht vorstellen, wie häufig sie im Alltag mit Derivaten in Berührung kommen. Das folgende Musterbeispiel schildert eine Situation, in der die Nachbarn Vogel und Neumann unbewusst ein Optionsgeschäft miteinander abschließen. Optionsgeschäfte stellen eine der vielen Arten von Derivategeschäften dar.

Beispiel 1 (Musterbeispiel)
Der 63-jährige Versicherungsvertreter Vogel will sich in einem Jahr zur Ruhe setzen und überlegt, wie er seinen gut erhaltenen Firmenwagen Marke Daimler günstig veräußern kann. Gleichzeitig hat sein 30-jähriger Nachbar Neumann, von Beruf aus Personalberater, der sich in einem Jahr selbständig machen möchte, einen prüfenden Blick auf das Fahrzeug geworfen. Er trägt sich mit dem Gedanken, den Wagen von Vogel zu erwerben.

Vogel weiß andererseits von den Existenzgründungsplänen Neumanns und kann sich vorstellen, dass dieser an seinem Wagen Interesse hat. Beide planen einen Geschäftsabschluss und überlegen, wie sie taktisch am klügsten vorgehen sollten:

Variante 1: Die Initiative geht von Neumann aus
Er fragt Vogel, ob er seinen Wagen verkaufen will. Vogel würde unter der Bedingung zusagen, dass er das Auto erst in einem Jahr – genau am 1.9.2010 – übergibt und sicher sein kann, dass Neumann den Wagen zu diesem Zeitpunkt noch haben will. Da Neumann Interesse am Kauf zeigt, schlägt er Vogel folgende Lösung vor: Er zahlt eine Prämie von 1.000 € für das Recht – nicht jedoch für die Verpflichtung – den Wagen genau in einem Jahr für 20.000 € kaufen zu dürfen. (Der Preis entspricht dem Marktpreis und es soll der Einfachheit halber keine Abnutzung unterstellt werden.) Anders ausgedrückt, Neumann darf den Wagen zu diesem Kaufpreis (im Folgenden: „Basispreis“) „beziehen“. Wenn er wider Erwarten „abspringt“, kann Vogel die Prämie behalten und sich nach einem anderen Käufer umsehen. Vogel muss allerdings das Fahrzeug am 1.9.2010 für den Fall bereithalten, dass Neumann von seinem Kaufrecht Gebrauch macht. Vogel willigt ein, weil er nicht glaubt, dass der Preis für seinen Daimler in einem Jahr über 21.000 € steigt. In diesem Fall hätte er am Markt einen höheren Preis erzielt als von Neumann, der ihm inklusive 1.000 € Prämie insgesamt 21.000 € bietet. Sie schließen am 1.9.2009 das Geschäft ab.

Der Sachverhalt lässt sich auf einer Zeitachse darstellen:

Was Sie über Derivate wissen müssen Leseprobe 1

Variante 2: Die Initiative geht von Vogel aus
Vogel fragt Neumann, ob er seinen Wagen kaufen möchte, unter der Bedingung, das Fahrzeug erst in einem Jahr – genau am 1.9.2010 – liefern zu können. Neumann ist grundsätzlich interessiert, bleibt jedoch unentschlossen. Er überlegt, ob er dann am Markt einen vergleichbaren Daimler vielleicht günstiger erstehen kann. Vogel will ihm die Entscheidung „versüßen“ und bietet 1.000 € als Prämie für das Recht, – nicht aber die Verpflichtung –, den Wagen am genannten Tag für 20.000 € an ihn verkaufen zu können. Anders ausgedrückt, Vogel darf Neumann den Wagen zum Basispreis „andienen“. Jetzt ist Neumann überzeugt, weil er nicht glaubt, dass der Marktpreis in einem Jahr unter 19.000€ fällt. Erst dann wäre ein Marktkauf günstiger. Falls Vogel sich anders entschließt und „abspringt“, darf er die Prämie behalten und kann sich nach einer anderen günstigen Kaufgelegenheit umsehen. Neumann muss den Wagen jedoch auf jeden Fall kaufen, wenn Vogel nicht abspringt. Sie schließen das Geschäft am 1.9.2009 ab.

Auch dieser – zur Variante 1 spiegelbildlich verlaufende – Sachverhalt lässt sich auf einer Zeitachse darstellen:

Was Sie über Derivate wissen müssen! Leseprobe

Die in der Fachsprache neben den genannten Kauf/Verkauf von Kauf- bzw. Verkaufswahlrechten häufig verwendeten Alternativbezeichnungen Call/Put, Long/Short und Kaufoption/Verkaufsoption werden in der folgenden Abbildung systematisch eingeordnet:

Was Sie über Derivate wissen müssen Leseprobe 2

Den Leser wird an dieser Stelle folgende Feststellung überraschen: Mit dem dargestellten Sachverhalt ist das Grundwissen über Derivate weitgehend zusammengefasst.

Fazit:
Weil die Geschäftsabschlüsse und ihre Erfüllung (Lieferung bzw. Bezug des Daimler-Wagens) zeitlich auseinanderfallen, wurden Termingeschäfte abgeschlossen. Anderenfalls wären es Kassageschäfte. Bei einem Kassageschäft erfolgen Geschäftsabschluss und Erfüllung gleichzeitig („Hand in Hand“). Termingeschäfte werden in der Fachsprache Derivatgeschäfte genannt. Das Kauf- bzw. Verkaufswahlrecht in unserem Beispiel sind Derivate, für die Prämien (Preise) gezahlt werden.

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