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Jesse Livermore - Das Spiel der Spiele

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aus: Kapitel XIII – Der Ruf

Und so redete Dan Williamson, und ich hörte zu. Er meinte, er hätte schon viel über meine Tätigkeit an der Börse gehört; er bedauere es sehr, daß ich nicht mehr in meinem Metier sei und mit Baumwolle Schiffbruch erlitten hätte (doch dieses Gespräch, das ihm „ein Vergnügen” bereitete, sollte sich für mich später als großer Nachteil erweisen). Er sei jedenfalls davon überzeugt, daß der Aktienmarkt meine Stärke und ich für ihn geboren sei, und daß ich ihm daher nicht den Rücken kehren sollte.

„Und das ist auch der Grund, Mr. Livingston”, schloß er freundlich, „weshalb wir mit Ihnen ins Geschäft kommen möchten.”

„Wie wollen Sie denn mit mir ins Geschäft kommen?”, fragte ich ihn.

„Wir möchten für Sie als Broker tätig sein”, antwortete er. „Meine Firma würde gern Ihre Aktiengeschäfte abwickeln.”

„Ich würde Sie gern damit beauftragen”, sagte ich ihm. „Aber ich kann nicht.”

„Warum denn nicht?”, wollte er wissen.

„Ich habe einfach kein Geld”, gab ich zurück.

„Dieser Teil geht klar”, sagte er mit einem freundlichen Lächeln. „Ich beschaffe es Ihnen.” Er zog ein Scheckbuch aus der Tasche, stellte einen Scheck über fünfundzwanzigtausend Dollar aus und überreichte ihn mir.

„Wofür ist der Scheck?”, erkundigte ich mich erstaunt.

„Den lassen Sie sich bei Ihrer Bank gutschreiben. Sie stellen dann Ihre eigenen Schecks aus. Ich möchte nur, daß Sie Ihre Trades in unserer Firma durchführen. Es spielt keine Rolle, ob Sie gewinnen oder verlieren. Wenn dieses Geld weg ist, stelle ich einen neuen Scheck von mir privat auf Ihren Namen aus. Sie müssen also nicht übervorsichtig mit diesem Geld umgehen.”

Ich wußte, daß die Firma zu reich und zu erfolgreich war, um auf ein Geschäft mit irgendjemandem angewiesen zu sein – geschweige denn, daß sie es nötig hatte, jemandem das Geld für Margins zur Verfügung zu stellen. Und dann war er auch noch so nett! Anstatt mir einen Kredit zu gewähren, gab er mir das Geld aus seiner eigenen Tasche, so daß nur er wußte, woher es kam. Außerdem war daran nur die Bedingung geknüpft, meine Trades von seiner Firma abwickeln zu lassen. Hinzu kam das Versprechen, daß ich noch mehr Geld haben könnte, wenn dieser Betrag verbraucht sei! Die Sache mußte einen Haken haben.

„Was steckt dahinter?”, wollte ich wissen.

„Wir möchten einfach einen Kunden in unserem Haus haben, der für große Umsätze bekannt ist. Jeder weiß, daß Sie für gewöhnlich mit einem großen Bestand auf Baisse spekulieren – was ich besonders an Ihnen mag. Sie haben den Ruf, ein großer Spekulant zu sein, der das Risiko nicht scheut.”

„Ich verstehe immer noch nicht”, sagte ich.

„Ich will ganz offen zu Ihnen sein, Mr. Livingston. Wir haben zwei bzw. drei sehr wohlhabende Kunden, die in großem Umfang Aktien kaufen und verkaufen. Ich möchte nicht, daß die Leute an der Wall Street jedes Mal, wenn wir zehn- oder zwanzigtausend Aktien eines Unternehmens verkaufen, denken, daß diese Kunden ihre Long-Bestände glattstellen. Wenn man an der Wall Street erfährt, daß Sie in unserer Firma ihre Trades durchführen, weiß man noch lange nicht, ob nun Sie die Aktien leer verkaufen oder ob es sich dabei um Verkäufe von Long-Beständen der anderen Kunden handelt.

Jetzt hatte ich begriffen. Er wollte die Geschäfte seines Schwagers mit Hilfe meines Rufes als risikofreudigem Spekulanten tarnen! Da ich meinen größten Gewinn vor eineinhalb Jahren als Baissier erzielt hatte, gaben mir die Klatschmäuler an der Wall Street in der Regel stets die Schuld an jedem Kursrückgang. Bei einem schwachen Markt behaupteten sie auch heute noch, ich drückte die Kurse.

Über so ein Angebot mußte ich natürlich nicht einen Moment lang nachdenken. Ich erkannte sofort, daß mir Dan Williamson die Chance zu einem raschen Comeback bot. Ich nahm den Scheck, trug ihn zur Bank, eröffnete ein Konto in seiner Firma und begann mit dem Trading. Der Markt war lebhaft und ausreichend aufnahmefähig, um sich nicht auf ein oder zwei spezielle Werte beschränken zu müssen. Bekanntlich hatte ich ja Bedenken, ob es mir jemals wieder gelingen würde, einen Treffer zu landen. Doch offensichtlich hatte ich noch nicht alles verlernt. Innerhalb von drei Wochen gelang es mir, mit den fünfundzwanzigtausend Dollar, die mir Dan Williamson geliehen hatte, einen Gewinn von hundertzwölftausend Dollar zu erzielen. Also ging ich zu ihm: „Ich möchte Ihnen gern die fünfundzwanzigtausend Dollar zurückzahlen.”

Doch er winkte ab: „Kommt nicht in Frage” – so als hätte ich ihm einen ungenießbaren Cocktail angeboten. „Nein, nein, mein Junge. Warten Sie, bis sich Ihr Konto sehen lassen kann. An so etwas müssen Sie jetzt noch nicht denken. Das sind bis jetzt nur Peanuts.”

Und da beging ich den entscheidenden Fehler, den ich von allen, die mir während meiner Tätigkeit an der Wall Street unterlaufen sind, am meisten bereute. Ihm „verdankte” ich viele bittere, leidvolle Jahre. Ich hätte darauf bestehen sollen, daß er das Geld nimmt. Ich war auf dem Wege, mir ein größeres, als das verlorene Vermögen zu verdienen – und ich kam gut voran. Drei Wochen lang lag mein Durchschnittsgewinn bei jeweils 150 Prozent. Von da an wurde mein Trading-Volumen ständig größer. Aber anstatt mich aller Verpflichtungen zu entledigen, ließ ich ihm seinen Willen und zwang ihn nicht, diese fünfundzwanzigtausend Dollar zurückzunehmen. Da er sie nicht haben wollte, hatte ich Hemmungen, den Gewinn daraus noch zu vermehren. Zwar war ich ihm insgesamt sehr dankbar, doch ich bin ein Mensch, der nicht gut damit leben kann, jemandem Geld oder einen Gefallen zu schulden. Geld, das man sich leiht, kann man auch mit Geld zurückzahlen, doch Entgegenkommen und Freundlichkeit kann man nur erwidern. Gelegentlich erscheint der Preis dieser moralischen Verpflichtung dann doch ziemlich hoch – und außerdem gibt es keine Verjährungsfrist.

Ich rührte den vorgestreckten Betrag also nicht an und fuhr mit meinen Trades fort. Es lief hervorragend. Mein Selbstvertrauen stellte sich wieder ein und ich war sicher, daß es nicht mehr allzu lange dauern würde, bis ich wieder den gleichen Schwung wie 1907 hatte. Dann hätte ich nur noch den Wunsch, daß mir die Börse eine Weile wohlgesonnen bliebe, um meine früheren Verluste mehr als ausgleichen zu können. Doch machte ich mir keine allzu großen Gedanken darüber, ob ich nun viel oder wenig Geld verdiente; ich war vielmehr glücklich, daß ich nicht mehr falsch lag und ich wieder ich selbst wurde. Monatelang hatte man mir übel mitgespielt. Meine Lektion hatte ich allerdings gelernt.

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